Vor 50 Jahren verschwand die letzte bediente Schiffspost der Schweiz




Bericht: Mario Gavazzi
Fotos: Mario Gavazzi, Schildknecht (Archiv Mario Gavazzi)


Vor 50 Jahren verschwand die letzte bediente Schiffspost der Schweiz. Die letzten zwei Linien verkehrten bis 1963/64 von Luzern nach Brunnen und Stansstad (-Engelberg).

Am 19. Dezember 1964 verkehrte erstmals die praktisch neu erstellte Luzern-Stans-Engelberg-Bahn (LSE). Dieses legendäre Unternehmen ist heute Teil der Zentralbahn, zu der auch die Brüniglinie Luzern-Interlaken zählt. Bis 18. Dezember 1964, also bis vor 50 Jahren, mussten die Fahrgäste per Schiff von Luzern nach Stansstad fahren, ehe die alte Stansstad-Engelberg-Bahn bergwärts fuhr. Im Vergleich zu heute war das ein mehrstündiges Reiseerlebnis.
 
Mit dem Verschwinden der alten Verbindung zwischen Luzern, dem Kanton Nidwalden und dem obwaldnerischen Klosterdorf Engelberg gehörte auch ein Betriebszweig der Post der Vergangenheit an, der von Anbeginn der Dampfschifffahrt weg eine bedeutende Rolle gespielt hat.
Auf dem Vierwaldstättersee waren schon früh die Knörrsche Dampfschifffahrtsgesellschaft und die eigens dafür gegründete Urner Postdampfschifffahrtsgesellschaft von Carl Emanuel Müller in den Postverkehr involviert. Zunächst im Rahmen der teils privaten und kantonalen Posteinrichtungen, ab 1849/50 dann über die neu gegründete eidgenössische Post, besser bekannt unter dem Kürzel PTT. Auf vielen Seen gab es solche Einrichtungen. 1963 gab es in der Schweiz gerade noch zwei solche Linien, wo auf Dampf- und Motorschiffen an Werktagen inklusive Samstag bediente Postbüros auf einzelnen Kursen unterwegs waren.

Wie bei der Bahnpost waren PTT-Beamte im Einsatz, die an den Endpunkten ganze Rollwagen von Paket- und Briefpost einluden und sortierten. Auf den Unterwegsstationen stand lokales Postpersonal bereit und tauschte diese Sendungen aus. An Bord wurde die zugegangene Post sogleich sortiert. Auch befördert wurden Wertsendungen.
Am 27. September 1963 verkehrte die Schiffspost letztmals mit Dienstpersonal der PTT-Betriebe zwischen Luzern und Brunnen, auf den Kursen 17 und 26, ausgeführt von DS «Unterwalden».
Etwas mehr als ein Jahr später, am 18. Dezember 1964, waren die letzten beiden Schiffsposten zwischen Luzern und Stansstad und zurück im Einsatz. Am Vormittag mit MS "Rigi" und nachmittags mit MS "Winkelried“. Fast alle Dampf- und Motorschiffe der
 
Auch die Station Flüelen war während Jahrzehnten eine wichtige Schiffspost-Umladestelle.
(Foto: Schildknecht, Archiv Mario Gavazzi)
DGV/SGV besassen Postbüros mit einer Sortieranlage und speziellen Linienstempeln, wie sie auch die Bahnpost bis vor wenigen Jahren kannte. An die Stelle der Schiffspost traten Schienen- oder Strassentransporte. Die LSE setzte dazu eigens einen vierachsigen Postwagen ein. Die Bahnposten sind inzwischen auch allesamt aufgehoben worden, soweit sie von Postpersonal begleitet werden.
 

Mit Leib und Seele Bahn- und Schiffspostbeamtef: Josef Omlin  *1923  +2005  (Foto: Mario Gavazzi)
  Vor vielen Jahren hat der inzwischen verstorbene Bahnpostbeamte Josef Omlin aus dem luzernischen Kriens seine Memoiren auf Papier gebracht. In seinen Erzählungen hielt er fest, dass die Vorweihnachtszeit die strengste Dienstzeit gewesen ist. Das galt natürlich für alle Bereiche der Postdienstleistungen. Im Unterschied dazu wurde es auf dem Dampf- und Motorschiffen schnell sehr eng, wenn statt einem gleich mehrere Postrollis an Bord gingen. Es kam auch vor, dass an den verkehrsreichsten Tagen im Dezember ein Dampfschiff nur für Posttransporte unterwegs war. Die Diensttouren am frühen Morgen und am späten Nachmittag und Abend liessen kaum je eine Kaffeepause zu.
Schöner waren diesbezüglich die Sommermonate. Nach Aufhebung der Schiffspost zwischen Flüelen und Brunnen bediente das Postpersonal die Haltestellen nur zwischen Luzern und Brunnen. Das Kursschiff verkehrte weiter bis Flüelen. Die Zeit zwischen der Ankunft in Brunnen und der Rückfahrt nach Luzern galt je zur Hälfte als bezahlte Pause und unbezahlte Freizeit. Den Mitarbeitern war es überlassen, an Land zu gehen oder mit einer Dienstfahrkarte an Bord mitzureisen. Im Gegensatz zur Dienstarbeitszeit war dem Postpersonal der Genuss eines Biers im Bordrestaurant in angemessener, das heisst kleiner Menge gestattet.
Die Kollegen der Schiffsbesatzung hätten an heissen Sommertagen damals gerne für einen kurzen Augenblick ihren Dienst mit dem Postpersonal getauscht. Doch das alles ist Geschichte und nur in Erinnerungen und Archivdokumenten vorhanden, mit Ausnahme des einstigen Urner Postdampfschiffes DS «Rigi», das im Verkehrshaus museumsmässig  erhalten geblieben ist.

 
Einziger lebender Zeuge der Postdampfschifffahrt ist DS «Rigi» im Verkehrshaus, als "Original" auf dem Freigelände und im Modell in der Schifffahrtsabteilung, im letzten Betriebszustand. (Fotos: Mario Gavazzi)
 
Während die Schweiz seit 50 Jahren keine bedienten Schiffsposten mehr bedient, ist diese Tradition auf dem Traunsee in Oberösterreich im kleinem Umfange erhalten geblieben. Dort schafften es Dampferfreunde und die Vereinigung Freunde der Stadt Gmunden, das 1980 ausrangierte Dampfschiff «Gisela» aus dem Jahre 1871 zu restaurieren. Es ging 1985 festlich in Betrieb und als Attraktion wurde die Schiffspost auf diesem Dampfer auf ausgewählten Fahrten im Rahmen eines Sonderpostamtes wieder ein geführt. Zwar werden seither keine mit Paketen und Briefen beladene Rollwagen an Bord genommen und befördert. Aber der offizielle Sonderstempel der österreichischen Post ist beliebt und 2014 gab es wieder eine Schiffspostbeförderung mit DS «Gisela»: Anlass dazu war das 175-Jahr-Jubiläum der Traunseeschifffahrt.